DATE
19th March 2010
Mit KW revolutionierte Karl Bartos die Popmusik. Heute musiziert er lieber mit Bildern als mit Tönen. Beim m4music-Festival präsentiert er seine Vorstellungen von Musik in Theorie und Praxis. VON RETO ASCHWANDEN – SURPRISE STRASSENMAGAZIN
Ein echter Pionier bleibt nicht stehen. Mit KW gehörte Karl Bartos zwischen 1975 und 1990 zu den Begründern der modernen Maschinenmusik. Als Mitautor von «Das Model», «Die Roboter» und «Computerliebe» schuf er Stücke an der Schnittstelle von Song und Track. Beim Festival m4music (siehe unten) wird er nun als «Bildmusiker» auftreten. Gefragt, was man sich darunter vorzustellen habe, verweist Bartos zunächst auf den Futurismus, die abstrakte Malerei Kandinskys sowie den «Absoluten Film» der 1920er Jahre, der die visuelle Wirkung über erzählerische Strukturen stellte. Praktisch bedeutet es eine Verknüpfung von Bild und Musik. Während seine Mitmusiker – Mathias Black, Sascha Wild – auf der Bühne für den Klang sorgen, montiert Bartos live aus dem Zusammenhang gerissene Filmsequenzen dazu: «Man kann aber auch einfach geometrische Figuren nehmen und die dann tanzen lassen. «Mein Instrument ist der Laptop mit dem Bildmaterial. Ich bin auf der Bühne damit beschäftigt, Filmmaterial zu "schneiden" und zu verändern, um es mit der Musik zu synchronisieren.»
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THE MESSAGE
Schon bei KW wurde viel mehr live gespielt, als man heute denkt. «Unsere so genannte Computermusik war längst nicht so elektronisch wie heutige Gitarrenmusik.» Während in modernen Studios jeder Ton durch den Computer geht, nahmen KW mit analogen Bandmaschinen auf und drehten von Hand die Knöpfe am Sinusgenerator. «Im Prinzip haben wir unsere Stücke so eingespielt, wie es auch ein Streichquartett machen würde», erklärt Bartos, der einst als klassisch ausgebildeter Orchestermusiker begonnen hatte. Die Technobewegung, die sich bis heute auf KW beruft, kommentiert Bartos: «Was in den Clubs läuft sind akustische Strukturen, ein Zeitraster, das rhythmische Impulse liefert.»
Überhaupt ist Bartos, der als Professor für auditive Mediengestaltung an der Universität der Künste in Berlin lehrt, kein Fan der zeitgenössischen Popmusik. Die Unzahl von Möglichkeiten des Computers führen in seiner Wahrnehmung zu einer Scheinkreativität. «Die verwendeten Programme funktionieren wie Schienen, die kein Ausbrechen erlauben. Dadurch entsteht immer wieder das gleiche Bild, bloss mit anderen Gegenständen drauf. Aber der Pinsel und die Farben bleiben immer dieselben. Eine Entwicklung findet nicht statt.» Die wirklich kreativen Ansätze ortet Bartos heute eher bei den Konzepten der Klangkünstler, der Filmindustrie, den Programmierern und nicht unter Musikern.
Popkulturpessimistisch ist er allerdings nicht: «Es gibt immer interessante Menschen, die faszinierende Sachen machen, sobald sie sich eine Gitarre umhängen.» Und auf einmal entpuppt sich der Mann, der oft wie ein Kunsttheoretiker spricht, als Romantiker: «Für mich liegt das Geheimnis der Musik in der Melodie.» Seit hunderten von Jahren reagierten Menschen mit Wohlgefühl auf Kinderlieder und kirchliche Musik. «Musik tröstet und ist die perfekte Lebenshilfe. Ich glaube, sie ist das, was dem Göttlichen am nächsten ist.» Das wird auch in Zukunft so bleiben. In seinem Vortrag über die Geschichte der Tonaufzeichnung, den er bei m4music ebenfalls halten wird, erklärt Bartos, im binären Code des Computers verberge sich «ein Klang, der schon immer in uns war.»
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m4music
Konzipiert vom Migros-Kulturprozent findet das Festival vom 25. bis 28. März in Lausanne und dem Zürcher Schiffbau statt und umfasst Workshops, Vorträge und Konzerte. Einen Schwerpunkt bildet die Nachwuchsförderung: In der «Demotape Clinic» bekommen Amateurmusiker Feedback von Branchenprofis, bei den Konzerten am Abend treten einheimische Newcomer Seite an Seite mit internationalen Stars auf. Diese Jahr gastieren unter anderem die Schweizer Songwriterinnen Anna Aaron und Evelinn Trouble neben der britischen Hype-Truppe These New Puritans, Miss Platnum mit Crossover zwischen R&B und Balkan-Beats und dem französischen Elektro-Star Yuksek am Festival. www.m4music.ch
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