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 Karl Bartos, Photos by Marion von der Mehden, Hamburg, 2003
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2014-01-29

FREITAGSMEDIEN / D

ICH KANN NICHT ANDERS
By Jan Freitag

(...) Der zweite von links ist alt geworden, aber nicht müde. Bei Kraftwerk war Karl Bartos bis zu seinem Ausstieg 1990 volle 15 Jahre für Gesang und Rhythmus zuständig, mit 61 geht er gerade mit seinem Solo-Album Off The Record auf Tour, die heute in Nürnberg Station macht, morgen in Berlin und Freitag in Hamburg. Begegnung mit einem Mann, der globale Musikgeschichte geschrieben hat – das aber im Gespräch beharrlich leugnet. (...)

(...)

(...) setzen wir mal voraus, die meisten Menschen empfinden Kraftwerk auch musikalisch als innovativ: Was ist an Karl Bartos 2014 ohne Kraftwerk innovativ?

Das ist mir völlig egal. Und innovativ sind auch selten Musiker selbst, sondern ihr eingesetztes Werkzeug. Als die Kunst erkannt hat, dass Beethovens Symphonien in ihrer Perfektion nicht weiterzuentwickeln sind, hat sie sich den Synthesizer erschaffen. Es mag ein gutes Verkaufsargument sein, Musik innovativ zu nennen. Sein Sinn ist für mich ein anderer.

Nämlich?

Die Ritualisierung des Lebens und Strukturierung seines Rhythmus. Seit Vivaldi wissen wir ja, dass es Jahreszeiten sogar als Klangfolgen gibt. Musik hat mit Zeit zu tun; so wie unser Leben in Jahre, Tage, Stunden, Sekunden eingeteilt ist, teilt sich die Musik in Takte, Schläge, Metren. Musik ist die Artikulation der Zeit, mehr nicht.

Also machen Beethoven, die Beatles, Kraftwerk und Motörhead im Grunde das Gleiche mit anderen Mitteln?

Ganz genau. Weil jeder Musik anders hört, interessieren mich daran vor allem die Wechselwirkungen. Ob Matthäus-Passion, Hardrock oder Kraftwerk ist dabei egal. Erstens strukturiert Musik unser Leben, schafft zweitens Ordnung, ohne das Chaos auszuschließen, spendet drittens Trost, Wärme, Unterhaltung. Und ist viertens zeitlos, obwohl sie die Zeit artikuliert. Diese Widersprüche treiben mich an, was ich daraus mache, ist in meiner musikalischen DNA gespeichert. Ich kann nicht anders. Ob das alt oder neu klingt, ist mir gleichgültig.

(...)

Wenn man wie Sie seit 40 Jahren auf der Bühne steht…

45 sogar.

… hat man dann irgendwann mal genug davon?

Nein. Das ist mein Beruf. Ohne ihn fehlte mir der Bezug zu den Menschen. Nur noch zuhause Musik zu machen wie Brian Wilson, der sich eine Fuhre Sand ins Wohnzimmer hätte kippen können und dort bis ans Lebensende Surfmusik komponieren – das wäre nichts für mich. Wir Menschen brauchen die Spiegelung in anderen. Weil die Medien nur eine transzendierte Version des Selbst bieten, muss man als Musiker in Gesichter blicken. Als ein abgebrochener Kunststudent aus Liverpool mal come together / right now / over me sang, war das ein zentraler Satz für mich, weil er den Beruf des Musikers auf den Punkt bringt. Musik ist Kommunikation, und damit möchte ich nie aufhören – egal, wie schwer es meinen Beinen auch fiele. So gesehen betrachte ich den Grammy eigentlich als eine Art Tapferkeitsorden. Toll.


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