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 Karl Bartos, Photos by Marion von der Mehden, Hamburg, 2003
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2014-02-02

PLANET / D

KATEGORIEN WIE "E-" ODER "U-MUSIK" HABEN MIT MUSIKKULTUR NICHTS ZU TUN
By Ralf Krämer

(...) Der einstige Kraftwerk-Musiker Karl Bartos im Gespräch mit Ralf Krämer über das Album "Off the Record", Inspiration durch die Beatles, die GEMA und wie uns Musik über unsere Sterblichkeit hinwegtröstet. (...)

PLANET: 1975 wurden Sie Mitglied von Kraftwerk, als die Band sich zu einer Electro-Formation wandelte. Wenn heute die Zeitschrift Rolling Stone schreibt, Kraftwerk hätte seitdem nicht mehr mit “echten Instrumenten” gespielt, als würde es sich seitdem nicht mehr um “echte Musik” handeln – ärgert Sie das?

KARL BARTOS: Ach, solche Kategorisierungen sind ein Relikt der Nachkriegszeit, aus den goldenen Zeiten des Musikmarktes. Als wäre man in der Modeindustrie rief man regelmäßig die neueste Kollektion aus: Gothic war das neue große Ding, das wurde dann abverkauft. Als nächstes kam Grunge. Dann wurde gehypt, was “echt” war oder “unplugged”. Ralf Hütter hatte dieses Spiel mitgemacht, als er sagte: “Die Gitarre ist ein Instrument aus dem Mittelalter!” Das war eine super Headline. Aber bei Licht betrachtet, ist eben auch das Klavier ein Instrument des Mittelalters und den Synthesizer gab es 1975 auch schon ein halbes Jahrhundert. Spätestens die Art, wie wir heute Musik hören, hat diese Unterscheidungen sinnlos gemacht. Auf i-tunes steht die Musik von heute neben der von vorvorgestern. Kategorien wie “echt”, “E-” oder “U-Musik” sind reines Marketing, das hat mit Musikkultur nichts zu tun.

PLANET: Werden Kraftwerk bei der GEMA immer noch als U-, also als Unterhaltungs-Musik geführt, obwohl Kraftwerk-Konzerte mittlerweile auch in Museen stattfinden?

KARL BARTOS: Ja, die machen das immer noch so. Die GEMA ist in etwa so flexibel wie die Deutsche Bahn. Dabei beweist die elektronische Popmusik an sich schon, wie absurd die Unterscheidung von U- und E-Musik ist. Sie ist ja letztlich eine Ableitung von der Musik Karlheinz Stockhausens und Pierre Schaeffers, der sich wiederum auf Filippo Tomassi Marinetti berief, der Anfang des 20. Jahrhunderts die futuristische Bewegung begründete. Man hat sich damals gefühlt, als stünde man am Ende der europäischen Musiktradition. Und der Gedanke tauchte auf, dass organisierte Klänge auch dann Musik genannt werden müssten, wenn sie aus der Umwelt stammen, nicht von einem klassischen Instrument. Damals wurde mit Straßen- und Fabrikgeräuschen komponiert. Das war im Grunde das Gleiche, was wir heute mit unseren Laptops machen. Es ist nur viel einfacher geworden.

PLANET: Einige der berühmtesten Kraftwerk-Songs wie “Radioaktivität” handelten von Technologien oder Ingenieursleistungen. Warum haben Sie nun auf Ihrem aktuellen Album “Off the Record” mit “Atomium” dem gleichnamigen Bau von 1958 ein Denkmal gesetzt?

KARL BARTOS: Das Atomium wurde ja in einer Zeit errichtet, als viele die Atomenergie für eine saubere Energieform, für die Rettung der Menschheit gehalten haben. Und nun steht dieser Bau eben auch für einen historischen Irrtum, für die atomaren Katastrophen. Und ohne die Katastrophe von Fukushima wäre nun auch der Song “Atomium” nicht entstanden. Ich stand mal vor langer Zeit unter dem Atomium, guckte hoch und bekam kaum mehr Luft. Das Gebäude soll ja eine Zelle aus neun Atomen darstellen und ich fühlte mich plötzlich wie ein kleines Nanowesen inmitten des Kosmos. Ich kann jedem nur empfehlen, da mal hinzufahren, es wirkt ganz anders, als wenn man es nur auf einem Foto sieht.

(...)

PLANET: Sie haben einmal gesagt, die Musik würde uns über unsere Sterblichkeit hinwegtrösten. Können Sie das erklären?

KARL BARTOS: In der ganzen Kunst geht es doch darum, etwas herzustellen, das größer ist, als man es selbst ahnt. Mit Musik kann ich Dinge zum Ausdruck bringen, die ich selbst gar nicht verstehe. Sie beantwortet Fragen, die man gar nicht gestellt hatte. Der Trost über die eigene Sterblichkeit bleibt dabei natürlich trotzdem nur ein theoretischer. Ganz praktisch wirkt vor allem die Befriedigung am Handwerk. Das ist das, was ich damals bei der ersten Orchesterprobe in der Robert-Schuhmann-Hochschule empfunden habe: die Kommunikation zwischen Menschen, die Musik sehr unterschiedlich wahrnehmen, die sehr verschiedenen sind und trotzdem an etwas Gemeinsamen arbeiten. Das ist das, was der abgebrochene Kunststudent John Lennon meinte, als er mit den Beatles “Come Together” sang. Im Hier und Jetzt versammeln wir uns alle um einen Klang herum — am besten in einem Konzert. Und das lässt einen für Sekunden glücklich werden.


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